… im September 2016

Es ist September geworden, auch wenn die Sonne noch warm vom Himmel scheint, die Schatten werden länger und die Luft riecht anders, schon so ein bisschen nach Herbst. Die meisten Felder sind abgeerntet, viele Brombeeren in meinem Garten gepflückt, die Schlehen, Äpfel und Pflaumen gelangen zur Reife…  Ich liebe diese Zeit im Spätsommer in der die Luft noch warm ist und sich spürbar die Energie wieder nach innen kehrt, alles zur Ruhe kommt. Vielleicht liegt es daran, dass ich im September geboren bin.

Ich spüre in dieser Zeit so sehr meine Liebe zur Erde, die unsere Mutter ist, uns unser Leben schenkt. Vielleicht bewegt mich auch deshalb gerade so sehr der Wahnsinn, der in unserer Welt geschieht: immer mehr und neue Handys und Autos, noch mehr und immer neue Süßigkeiten (für die Kinder?), immer mehr Fastfoodketten, noch mehr und billigere Flüge, noch mehr Vergnügungsparks, Freizeitvergnügen und Unterhaltungssendungen im Fernsehen,… ich könnte die Liste wohl endlos fortsetzen. Getrieben von Maßlosigkeit und Gier, der Angst, nicht genug zu bekommen wollen wir mehr Geld, mehr Geschwindigkeit, mehr Erfolg, mehr Anerkennung, mehr Genuss, mehr Konsum,… – unsere Sucht nach immer mehr ist schier unerschöpflich, so scheint es. Und laut schreit es in mir:

„Es ist genug!“

Während ich hier in meinem Garten sitze und mein Blick auf die Pflanzen um mich herum schweift, spüre ich, das ist  ein wesentlicher Aspekt, den uns die Erde im Herbst lehrt. Der Herbst lehrt mich, unbegrenztes Wachstum ist eine Erfindung des menschlichen Geistes, kein natürliches Prinzip – eine Vorstellung, die sich so in der Natur nirgendwo wiederfindet.

In der Natur wird der Herbst ab etwa Anfang August sichtbar. Hier feiern wir auch das Schnitterinnenfest. Es lädt uns ein, zur richtigen Zeit einen klaren Schnitt zumachen. Irgendwann ist das Korn lange genug gewachsen. Wenn wir die Ernte nach Hause tragen wollen, müssen wir es rechtzeitig schneiden.  Es ist eine Kunst und erfordert Übung und Feingefühl, den richtigen Moment zum Schnitt zu erkennen, denn ab jetzt führt weiteres „Wachstum“ zum Vergehen. Auch wenn es uns vielleicht schwer fällt, dies anzunehmen, die Hoch-Zeit ist vorüber: Es ist genug!  Und  – je schärfer das Messer, desto leichter der Schnitt. Ein stumpfes Messer, ein unklarer Schnitt kostet unnötig Kraft und Zeit. Es ist ein Schnitt in die Fülle des Lebens hinein – so lädt der Herbst uns ein, den Tod als Lehrmeister des Lebens anzunehmen. Das ist nicht populär, auch nicht werbewirksam, der Tod verkauft sich nicht gut, schon gar nicht in einer Zeit, in der er gerne verdrängt wird. Und gleichzeitig ist es so zutiefst heilsam und führt mich direkt in das Leben, in meine Lebendigkeit hinein, mich der eigenen Endlichkeit zu stellen und ihr ins Gesicht zu schauen.

Und ich weiß, wenn auch unsere Enkel und Urenkel noch auf dieser Erde leben wollen, müssen wir uns beschränken, jede und jeder einzelne von uns, du und ich – Jetzt! Es hilft nicht, anderen die Schuld in die Schuhe zu schieben und die Verantwortung abzugeben. Denn wir alle sind betroffen, und andere Menschen zu ändern, egal ob Politiker, Vorgesetzte, Eltern oder Partner, ist schon immer gescheitert. Also bleibe ich bei mir – und auch ich spüre in mir Widerstände, in einer Welt voller Möglichkeiten mich freiwillig zu beschränken. Doch warum ist das so? Warum fällt uns das so schwer, wo wir doch wissen, was gut wäre?

Ich glaube, es hat damit zu tun, dass auch wenn wir hier in unserer westlichen Welt scheinbar im Überfluss leben, wir doch nicht satt werden. Es ist unsere Seele, die hungert, unsere Seele, die nach Nahrung verlangt. Wir haben vergessen, wer wir sind, vergessen, dass wir verbunden sind, eingebunden in ein großes Ganzes. So laufen wir herum im Glauben, wir seien allein, getrennt, ungeliebt, nicht gut genug, nicht richtig, so wie wir sind und glauben, das neue Auto oder Kleid gibt uns das, was wir suchen. Ich selbst nehme mich da nicht aus. Tief in unseren Zellen sind Gier und Neid in allen von uns verankert, sie zu verleugnen hilft uns leider meiner Erfahrung nach nicht. Wollen wir unsere Erde und auch uns selbst, die wir ein Teil dieser Erde sind, nicht weiter auf diese Art und Weise ausbeuten, so sind wir, jeder und jede von uns, aufgerufen, die eigene Maßlosigkeit und Gier zu erkennen und von der Zeit des Schnittes zu lernen, uns in freiwilliger Selbstbeschränkung zu üben.

Mir selbst begegnet die Gier beispielsweise regelmäßig an vollen Buffets: Ich sehe all die leckeren Speisen und meine Futterneid schlägt zu: ich meine dann, alles essen zu müssen – und bloß nicht weniger als die anderen. Und dann stehe ich am Ende da mit viel zu vollem Magen und habe mir selbst nicht gut getan. Das Wissen allein reicht nicht. Es braucht Liebe und Mitgefühl mit mir selbst, mit meinem „Mensch-Sein“ und meinen zutiefst menschlichen Bedürfnissen und gleichzeitig braucht es Klarheit und Entschlossenheit, ein klares Ja zu mir, eine klare Entscheidung, einen klaren Schnitt, es braucht Disziplin (auch das ist ein Wort, das heute sehr aus der Mode geraten ist, eigentlich bedeutet discipulus (lat.) Lehrling, Schüler), es braucht also Übung und Schulung. Für mich bedeutet das, ich übe mich darin, mir gut zu tun, so viel zu nehmen, wie gut für mich ist.

Das Leben ist für mich ein Buffet voller Möglichkeiten – und es geht nicht darum, alles abzuräumen, sondern hier und da davon zu kosten, zu genießen, auszuprobieren, zu üben… und dabei zu erfahren und zu lernen, was es heißt, Mensch zu sein auf dieser Erde. Und Ich spüre, es geht in dieser Zeit auch darum, all die alten, angstgeprägten Gedankenmuster abzustreifen wie eine alte Haut, auch hier einen klaren Schnitt zu machen und hineinzuwachsen in eine neue Wirklichkeit, die zu werden, die wir wahrhaftig sind. Auf diesem Weg helfen mir das Singen, tiefe Atemerfahrungen und meine Verbindung zu Mutter Erde.

Singen nährt unsere Seele und stärkt uns auf unserem Seelenweg. Das habe ich am vergangenen Wochenende wieder so besonders tief und freudvoll erfahren dürfen, als wir mit 27 Menschen in Neukirchen ein wunderschönes und heilsames Wochenende verbracht haben. Im geschützten Raum haben wir ausprobiert und geübt, wie das geht, wahrhaftig mit uns da zu sein und unsere Lebendigkeit zu wecken. Es war eine so große Freude, zu erleben, wie alte Schichten sich ablösen, alte Gedankenmuster sich verabschieden durften und die Gemeinschaft jede/n auf dem Weg zu dem ganz Eigenen unterstützt und gestärkt hat. So wurde am Ende jede/r in seiner/ihrer Einzigartigkeit immer mehr sichtbar  und unsere Gemeinschaft verwebte sich zu einem wunderschönen und bunten  Blumenstrauß, in dem jede Blume wunderschön strahlte. Die leuchtenden Augen und klaren Blicke bei der Verabschiedung waren für mich das größte Geschenk.

Das zweite Fest im Herbst, welches, während ich diese Zeilen schreibe noch vor uns liegt, ist das Erntedankfest. Ursprünglich wurde es zur Herbst-Tag- und Nachtgleiche am 23. September gefeiert. Jetzt lädt der Herbst uns ein, für das Leben und für die Ernte zu danken.

Es ist genug getan – es ist genug geerntet!

Dazu gehört zum einen der ehrliche Blick auf uns selbst und auf die eigenen Leistung und darüber hinaus auch die dankbare Anerkennung für die größere Kraft, die das, was wir gesät haben, wachsen lässt, und die dafür sorgt, dass das, was wir in die Wege geleitet haben, gelingt. Auch das haben wir scheinbar vergessen. Mich an diese größere Kraft zu erinnern, mich wieder anzubinden an die Kraft, die alles Leben hervorbringt, egal wie ich sie nenne, lässt mich zur Ruhe kommen und spüren, auch mein Tun ist eingebunden in ein großes Ganzes. Es lässt mich entspannen, ich bin nicht allein.

Und so lade ich uns alle ein, mit einem klaren Schnitt loszulassen, was uns nicht guttut und den Blick auf das zu richten und zu stärken, was uns wirklich nährt. Und ich lade uns ein, uns Zeit zu nehmen: Zeit für eine Pause, Zeit für ehrliche Rückschau, Zeit, die Fülle in unserem Leben wahrzunehmen und Zeit um zu danken.

Lasst uns die Welt für einen kleinen Moment den Atem anhalten lassen – du kannst sie auch in deinem Atem spüren, diese kleine Pause zwischen dem Ein- und dem Ausatmen. Probiere es aus!

Ich wünsche uns allen einen wunderschönen Herbst!

Veröffentlicht unter Gedanken auf meinem Weg |

4 Responses to “… im September 2016”

  1. Agatha Theisen sagt:

    Liebe Sabine,
    JA, es ist genug. Ich bin genug. Wir sind die/in der Fülle. Danke, für Deine von Herzen kommende Erinnerung!
    Dein mit Gesang gestaltetes „Lebensvideo“ hat mich tief berührt…
    Spätsommerliche Abendgrüße aus Kiel von Agatha

  2. Wow..danke Sabine
    Ja,es ist genug da, was zu Ruhe und Frieden in uns führt.
    Namasté Sabine

    Rainer

  3. Sabrina sagt:

    … sondern hier und da davon zu kosten, zu genießen, auszuprobieren, zu üben… und dabei zu erfahren und zu lernen, was es heißt, Mensch zu sein auf dieser Erde….

    Liebe Sabine,
    besonders diese, deine Zeilen haben mich sehr angesprochen, etwas in mir berührt. Und auch für mich ist es wieder und wieder das Singen, das mir hilft, mich neu auszurichten, mich verbunden zu wissen und dies zugleich tief in mir zu erfahren. Hab Dank für deine Zeilen und Lieder!
    Herzlich, Sabrina

  4. Marion Kreuteler sagt:

    Liebe Sabine! Dein Text bzw.das,was damit gemeint ist,hat mich sehr angeprochen und berührt.Alles ist schon da,in Hülle und Fülle.Der wahre Schatz befindet sich in uns selbst. Ich finde, dass Du eine schöne Frau bist. Alle Liebe wünscht Dir Marion.

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