… im April 2018

Das Geschenk der Verletzlichkeit

Viel hat sich bewegt, viel hat mich bewegt seit ich euch das letzte Mal geschrieben habe. Und so wie der Schnee nun auch hier in Norden die Erde wieder freigegeben hat und die ersten Blumen ihre Nase durch die Erde stecken, so tauche auch ich langsam wieder auf, komme empor, innerlich berührt und bewegt von der Verletzbarkeit von Leben.

Vor 3 Wochen wagten sich die Rehe in den frühen Morgenstunden bis ans Haus, weil sie Hunger hatten und fraßen unsere Krokusse. –  Ebenfalls vor 3 Wochen wurde meine Tochter von ihrem Pferd getreten und hat nun einen gebrochenen Kiefer. Bei allem Unglück hat sie sehr viel Glück gehabt. Ich bin dankbar für die Ärzte, die ihren Kiefer wieder richten konnten und es sieht soweit nun alles gut aus und braucht Zeit zum Heilen.

Es sind diese Momente im Leben, in denen sich von einer Sekunde auf die andere plötzlich alles verändert, nichts ist mehr wie es war und jeder Versuch, es rückgängig zu machen verschlimmert nur den Schmerz. Ich erinnere mich an den Moment vor 12 1/2 Jahren, als der Anruf kam, dass mein damaliger Mann und Vater meiner Kinder gestorben ist. Alte Ängste werden wieder ausgelöst – und doch wandelt sich etwas in mir. Mit dem Kieferbruch meiner Tochter ist etwas auch in mir zerbrochen und darf nun endlich heilen und das ist meine Angst vor meiner Verletzlichkeit.

Wie oft habe ich mich als Kind in der Schule nicht getraut, mich zu melden oder mich auch als Erwachsene noch zurückgehalten weil ich Angst hatte: Angst davor zu scheitern, Angst vor Spott, Angst vor dem Schamgefühl und Angst, verletzt zu werden. Und gleichzeitig habe ich mich dadurch auch von meiner Freude und Lebendigkeit abgeschnitten.

Im Jahreskreis entspricht die Zeit der Frühlings-Tag und Nachtgleiche der Zeit der Geburt auf diese Erde hinein in die Materie (lat. mater= Mutter). Und damit werden wir verletzlich, es gibt keine Garantie auf Leben. Und diese Verletzlichkeit ist es doch, die uns wirklich zu Menschen macht, die uns mitfühlen und lieben lässt, die uns berührbar macht. Wenn wir ein neugeborenes Baby, eine zarte Blume oder ein kleines Tier anschauen rührt es uns zutiefst an, weil wir ihre Verletzlichkeit auch in uns spüren. Wenn wir uns in irgendeiner Form kreativ ausdrücken machen wir uns ebenso verletzlich wie wenn wir Komplimente geben oder annehmen oder um Hilfe oder Trost bitten. „Verletzlichkeit ist der Schlüssel zu allem, von dem wir mehr wollen: Freude, Intimität, Liebe, das Gefühl von Zugehörigkeit, Vertrauen. Gleichzeitig sind wir nicht bereit, die Rüstung abzulegen und zu zeigen, wer wir wirklich sind, unsere Ängste und Träume, weil wir fürchten, man könne all das als Munition gegen uns verwenden.“ (Brené Brown)
– hier noch ein link zu einem wundervollen Vortrag von Brené Brown zum Thema. (bitte link anklicken)

Verletzlichkeit braucht Mut. Als Kind war es sehr bedrohlich verletzt zu werden. Heute können wir damit umgehen und lernen, sie mehr und mehr wieder einzuladen. Für mich ist Verletzlichkeit ein Ausdruck von Mut und Stärke. Verletzliche Menschen sind stark, weil sie sich trauen, sich mit ganzem Herzen in die Welt zu bringen, auch mit dem Risiko, dass es hin und wieder verletzt wird und wehtut. Was für ein Geschenk, wenn wir erkennen, dass die Narben, die entstehen, nicht nur einfach  zum Leben dazu gehören, sondern uns sogar schöner machen. Dazu hier ein wunderschöne Geschichte: >>Das perfekte Herz<< (zum Lesenbitte link anklicken) – oder wer es lieber hören mag hier der link zur vorgelesenen Geschichte bei youtube: youtu.be/PYvBio-8py0

Eine schöne Möglichkeit, sich zu üben Verletzlichkeit wieder zuzulassen, ist die Begegnung mit Pflanzen und Tieren. Mir tut es immer wieder gut, mir Zeit zu nehmen für wirkliche Begegnungen in der Natur, mich wirklich berühren zu lassen. Auch das Singen in der Gemeinschaft ist für mich ein sehr wertvoller Weg. Im geschützten Kreis der singenden Gemeinschaft ist es so leicht, meinen Schutzpanzer abzulegen und ganz mit mir selbst da zu sein.

Mich ständig zu schützen ist für mich nicht der Weg, denn es schneidet mich vom Leben und von meiner Lebendigkeit ab. So wünsche ich uns allen immer mehr Mut, uns selbst mit unserer Verletzlichkeit ehrlich und wahrhaftig zu zeigen. Damit und im Bewusstsein, dass andere Menschen genauso verletzbar sind wie wir selbst, schaffen wir Wege zu einem neuen Miteinander hinein in eine Welt, in der wir alle gerne und mit Freude leben.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen einen wundervollen Frühling!

Veröffentlicht unter Gedanken auf meinem Weg |

16 Responses to “… im April 2018”

  1. Gertrud Richelsen sagt:

    Danke, Sabine für deine so offene und persönlichen Worte.
    Ein schöner Impuls, wie wir zu einer Lebendigkeit kommen , die verschüttet ist. Sich immer zu deckeln macht keinen Spaß.
    Danke Gertrud

  2. Maren Schumacher sagt:

    Liebe Sabine,
    das Zeigen der Verletzlichkeit ist sicherlich einerseits gut und hilfreich. Ich habe das lernen müssen/dürfen und dann 2015 praktiziert. Danach hatte ich ein Erlebnis, welches mir gezeigt hat, dass dieses Öffnen nur in bedingten Kreisen geht und es keinen Sinn macht, in alle Richtung offen zu sein. Ich wurde für diese Offenheit sehr „bestraft“ und somit ein weiteres Mal sehr verletzt. Das hat mir gezeigt, dass ich für mich und mein Leben und meine liebenswerten Menschen um mich herum einen anderen weg finden muss. Es ist nicht immer eine gute Erfahrung, seine Verletzbarkeit zu zeigen. Alles Liebe, besonders auch für deine Tochter. Maren

    • Danke, liebe Maren, für dein ehrliches Teilen! ja, ich kann es gut verstehen, wenn du schreibst, dass du nicht mehr verletzt werden magst. Manchmal tut es einfach sehr weh. Doch ich habe die Erfahrung gemacht, dass selbst, wenn ich mich ständig versuche zu schützen, ich dennoch verletzt werde. Es funktioniert einfach nicht, weil wir als Menschen verletzbare Wesen sind. Und vielleicht mag es helfen, gut zu schauen, ob es mir wirklich dient, mich zu schützen oder ob mich meine Schutzmauer vom Leben und damit von meiner Lebendigkeit trennt. Mir hilft es sehr, wenn ich mir bewusst mache, dass auch die Menschen, von denen ich mich verletzt fühle, verletzbar sind – und meistens Verletzungen nicht mit Absicht herbeiführen, sondern eher meine eigenen Muster triggern. So bin ich dankbar für Menschen, mit denen ich es gemeinsam üben darf! Herzensdank auch an dich, liebe Maren! Sabine

  3. Andrea Heutling sagt:

    Herzlichen Dank, liebe Sabine,
    Deine Gedanken haben mich sehr berührt und meine Liebe in mir wieder kräftiger scheinen lassen. Vielleicht werde ich bald den Mut haben meinen sicheren Arbeitsplatz aufzugeben. Ich möchte mich nicht mehr schützen müssen und etwas finden wo ich meine Lebendigkeit zeigen kann.
    Alles Liebe zu dir. Danke Andrea

    • Wie schön liebe Andrea! Ich wünsche dir ganz viel Liebe in deinem Herzen und Mut, dem Weg der Freude und deiner Lebendigkeit immer mehr zu folgen! Schön, wenn wir voneinander wissen – wir sind niemals allein auf unserem Weg! Alles Liebe zu dir, Sabine

  4. Liebe Sabine,
    Ein sehr bewegender Brief. Niemand sieht einem anderen Menschen an, wieviel Schmerz auf dem Weg durchs Lebens zu durchleben ist. Seien wir gewiss, jede/r liebt und wird verletzbar sein und bleiben.
    Das Leben gibt und nimmt. Wandel ist Leben, Lebendigkeit. So weh es auch tut, der Neuanfang ist damit geboren.

  5. Bri sagt:

    Liebe Sabine, Dein Brief wirkt anregend und beruhigend zugleich. Es tut gut, von Dir durch die Jahreszeiten begleitet zu werden, auf Deine ganz persönliche Art
    Heute wäre ich gern zum Singen gekommen, nach so einer langen Pause. Ohne Auto …leider kaputt, konnte ich so schnell keine Transportalternative finden. Das war alles bevor ich Deine anziehende Email gelesen habe. Ich komme aber wieder.
    Herzliche Grüße
    Bri

  6. Danke, liebe Sabine für Deine persönlichen, mich tief berührenden Worte, für Deinen Mut, Dein Dich-Zeigen. Deine Worte, der Vortrag und auch die Geschichte sprechen mir gerade sehr aus dem Herzen und sind die Inspiration auf die ich in diesen Tagen hoffte.
    Schön, Dich zu kennen Dir ab und zu beim Biodanza zu begegenen und manchmal auch beim Singen. So, dass Leben es will, werde ich am Samstag zur Nacht der spirituellen Lieder in Kiel kommen.
    Bis dahin!
    Ganz liebe Grüße und eine warme Herrzensumarmung tanzt von mir zu Dir
    Birgit

    • Liebe Birgit, danke dir sehr für deine Worte! Wie schön, so dürfen wir einander Inspirationsquelle sein, wenn wir uns wirklich zeigen und uns einlassen! Ich freue mich sehr, wenn wir uns am Samstag sehen und gemeinsam singen! Hab eine wundervoll gute Zeit bis dahin! Alles Liebe für Dich, Sabine

  7. Liebe Sabine,

    deine persönlichen Worte haben mich sehr berührt. Vielen Dank für deine Offenheit und dein Risiko zur Verletzlichkeit. Ich selbst habe jahrelang einen Panzer um mein Herz getragen ohne es zu merken. Ich war immer sehr cool und spürte irgendwann dass ich keinen richtigen Kontakt zu den Menschen hatte. In einer Schau auf mein Herz hat es sich als vernarbtes Herz in einer Kriegerrüstung gezeigt. Seitdem habe ich Stück für Stück diese Rüstung, die in meiner Kindheit nötig war um zu überleben, abgelegt und unglaublich viel Lebendigkeit zurückerhalten. In meiner Umgebung habe ich nur Gutes erlebt und bin niemals für das Zeigen meiner Emotionen und Verletzlichkeit bestraft worden sondern mit ganz viel Lebendigkeit und Sichtbarkeit und Nähe belohnt worden für meinen Mut.
    Für mich hat der Mut sich verletzlich zu zeigen sehr viel mit meinem Selbstbild zu tun. Wie du sehe ich es als mutig und lebensbejahend an sich so zu zeigen wie man im tiefsten Inneren ist. Ich habe über ein Jahr lang eine Trainerausbildung gemacht um genau an diesen wunderbaren inneren Kern zu kommen und anderen dabei zu helfen es auch zu tun. Weil ich dies so wertvoll finde, bin ich mal so mutig dir meinen Flyer für mein Selbstbild-Seminar am 2./3.6. in Kaltenkrichen zu senden, wo es genau darum geht: zur Ansicht bitte hier klicken. Wie die Resonanzen auf deiner Homepage zeigen, gibt es viele Menschen, die dieses wichtige Lebensthema beschäftigt.

    Herzliche Grüße
    Viola Früchtenicht-Schöning

    • Danke, liebe Viola, für deine lieben Worte!
      Ja, so tragen wir alle noch unsere Rüstungen mit uns. Und wie schön, voneinander zu wissen und sie Stück für Stück ablegen zu dürfen. Und ja, ganz sicher hat es etwas auch mit dem Selbstbild zu tun, das wird ja auch in dem schönen Vortrag von Brené Brown sehr deutlich. Ich freue mich, wenn viele Menschen den Weg in dein Seminar finden.
      Liebe Grüße und eine heilsame gute Zeit und es würde mich sehr freuen, wenn wir uns irgendwann auch einmal persönlich begegnen.
      Sabine

  8. Melanie Kohler sagt:

    Liebe Sabine,
    danke dass du uns teilhaben lässt an Deinen Gefühlen. Auch in meinem Leben ging gerade vieles drunter und drüber. Mein mittlerer Sohn wollte nicht mehr zur Schule gehen. Bald schon kam der Anruf vom Direktor. Doch dank einer inneren Kraft sagte ich ihm einfach die Wahrheit und er kam mir mit großem Verständnis entgegen. Darüber war ich wirklich sehr erleichtert. Manchmal ist das sich verletzlich machen auch eine gute Möglichkeit um im Anderen etwas zu öffnen..

    Alles Liebe,
    Melanie Kohler

    P.S.: Ich habe mich sehr über Dein neues Liederbuch gefreut und auch darüber, dass es auf recycling-Papier gedruckt wurde. Danke hierfür ganz besonders…

    • Danke, liebe Melanie, für das Teilen deiner Geschichte! Ja, so schön und mutmachend, es immer wieder zu hören und zu erfahren, dass es sich lohnt, einfach mit dem, was in uns ist dazusein. Es öffnet so viele neue Türen!!! Deine Geschichte ist ein so schönes Beispiel, wie es gehen kann. Danke dir dafür! Alles Liebe auch für dich, Sabine

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